Nalda

Wenn der Schmerz bleibt, obwohl nichts mehr kaputt ist

Sie kennen das vielleicht: Rückenschmerzen, die seit Monaten nicht verschwinden. Kopfschmerzen, die trotz aller Medikamente wiederkehren. Ein Körper, der sich anfühlt, als wäre etwas grundlegend beschädigt — obwohl MRT-Bilder und Bluttests nichts Auffälliges zeigen. Wenn Sie zu den Millionen Menschen gehören, die mit chronischen Schmerzen leben, haben Sie wahrscheinlich schon vieles versucht: Physiotherapie, Schmerzmittel, Spritzen, vielleicht sogar Operationen. Und doch bleibt der Schmerz. Viele Betroffene suchen deshalb nach neuen Wegen, chronische Schmerzen zu verlernen — und genau hier setzt ein vielversprechender Ansatz an.

Das Buch Wege aus dem Schmerz von Alan Gordon und Alon Ziv bietet eine grundlegend andere Perspektive. Es stellt eine Methode vor, die nicht darauf abzielt, den Schmerz besser auszuhalten — sondern ihn tatsächlich zu verlernen. Dieser Ratgeber, 2023 im Narayana Verlag erschienen, bringt die sogenannte Pain Reprocessing Therapy (PRT) erstmals in umfassender Form in den deutschsprachigen Raum. Doch was steckt hinter diesem Konzept, und für wen lohnt sich die Lektüre?

Das Konzept: Wie sich chronische Schmerzen verlernen lassen

Um zu verstehen, warum dieses Buch so anders ist als herkömmliche Schmerzratgeber, muss man zunächst eine zentrale Erkenntnis der modernen Schmerzforschung begreifen: Nicht jeder Schmerz hat eine strukturelle Ursache im Körper. Die Forschung zur Neuroplastizität zeigt, dass chronischer Schmerz oft ein unerwünschter Lernprozess des Nervensystems ist (Universität Heidelberg). Das Gehirn hat gelernt, bestimmte Signale als gefährlich einzustufen, und sendet Schmerz — auch wenn kein akuter Gewebeschaden mehr vorliegt.

Alan Gordon, Psychotherapeut und Gründer des Pain Psychology Center in Los Angeles, unterscheidet dabei zwischen zwei Schmerzarten: Struktureller Schmerz, der durch eine tatsächliche Verletzung oder Erkrankung verursacht wird, und neuroplastischer Schmerz, der einer Fehlfunktion im Gehirn und Nervensystem entspringt (NeurojackPot). Bei neuroplastischem Schmerz ist das Alarmsystem des Körpers gewissermaßen überempfindlich geworden — es meldet Gefahr, wo keine mehr besteht.

Genau hier setzt die Pain Reprocessing Therapy an. Sie basiert auf der Idee, dass das Gehirn durch Neuroplastizität lernen kann, diese Schmerzsignale als das einzustufen, was sie sind: Fehlalarme (HELP App Blog). Das Buch liefert dafür einen schrittweisen Heilungsplan mit konkreten Techniken.

Was das Buch inhaltlich bietet

Wege aus dem Schmerz ist mit rund 450 Gramm Gewicht im Format 17 × 21 cm kein dünnes Heft, sondern ein umfangreicher Ratgeber, der sich in mehrere klar strukturierte Bereiche gliedert.

Verständliche Neurologie

Gordon und sein Co-Autor Alon Ziv — Neurowissenschaftler an der University of California — erklären zunächst, wie die Neurologie unseres Körpers funktioniert und warum Schmerz nicht immer bedeutet, dass etwas im Körper kaputt ist. Diese Grundlage ist entscheidend, denn viele Betroffene tragen eine tief sitzende Überzeugung mit sich: „Wenn es wehtut, muss etwas beschädigt sein." Das Buch räumt mit diesem Missverständnis auf — fundiert und ohne esoterische Umwege, wie auch die Hamburger Schmerztherapeutin Dr. med. Antje Kallweit bestätigt, die das Buch als Anleitung auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse beschreibt.

Der Angst-Schmerz-Teufelskreis

Ein zentrales Thema des Buches ist der Zusammenhang zwischen Angst und Schmerz. Chronische Schmerzen erzeugen Angst — und Angst verstärkt den Schmerz. Diesen Teufelskreis nachvollziehbar darzustellen, gelingt den Autoren nach übereinstimmender Meinung vieler Leser gut (Lesejury). Das Verständnis dieses Mechanismus ist der erste Schritt, um ihn zu durchbrechen.

Somatic Tracking als Kernmethode

Die vielleicht wichtigste praktische Technik im Buch ist das sogenannte Somatic Tracking. Dabei lernen Betroffene, ihren Schmerz achtsam zu beobachten — allerdings nicht mit Angst, sondern mit Neugier und einem Gefühl der Sicherheit. Ziel ist es, dem Gehirn eine neue Botschaft zu senden: „Dieser Schmerz ist kein Zeichen von Gefahr." Leser loben diesen praktischen Ansatz und beschreiben Somatic Tracking als einen der hilfreichsten Wege zur Schmerzlinderung (FasYnation).

Fallbeispiele und Heilungsplan

Neben der Theorie enthält das Buch zahlreiche Fallbeispiele von Menschen, die mit der PRT-Methode ihre Schmerzen überwunden haben. Dazu kommt ein schrittweiser Heilungsplan, der den Leser durch den gesamten Prozess führt — von der Diagnose neuroplastischer Schmerzen bis zur praktischen Anwendung der Techniken im Alltag.

Die wissenschaftliche Grundlage: Was sagt die Forschung?

Einer der stärksten Aspekte dieses Buches ist, dass die vorgestellte Methode nicht nur auf Erfahrungswerten beruht, sondern wissenschaftlich untersucht wurde. In einer Studie der University of Colorado Boulder waren 66 % der Patienten nach der PRT-Behandlung schmerzfrei oder nahezu schmerzfrei — ein Ergebnis, das im Vergleich zu Standardtherapien herausragt (CU Anschutz Medical Campus). Auch Prof. Dr. med. Howard Schubiner von der Michigan State University stützt den Ansatz und betont, dass chronische Schmerzen entgegen langjähriger Annahmen nicht unheilbar sein müssen.

Wichtig ist dabei: Die bisher stärkste Evidenz liegt für chronische Rückenschmerzen vor. Bei Erkrankungen wie Fibromyalgie oder Migräne laufen aktuell weitere Forschungen, wobei die bisherigen Ergebnisse vielversprechend sind (LIN.Health). Das Buch selbst macht keinen Hehl daraus, dass nicht jeder Schmerz neuroplastisch ist — und dass eine sorgfältige Abklärung durch Ärzte immer der erste Schritt sein sollte.

Wie sich PRT von anderen Ansätzen unterscheidet

Wer sich mit chronischen Schmerzen beschäftigt, begegnet einer Vielzahl von Methoden. Was macht die Pain Reprocessing Therapy besonders?

Im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie

Die klassische kognitive Verhaltenstherapie (KVT) ist ein bewährter Ansatz in der Schmerztherapie — sie zielt jedoch in der Regel auf den besseren Umgang mit dem Schmerz ab, also auf Coping-Strategien. PRT verfolgt ein ambitionierteres Ziel: das tatsächliche „Verlernen" des Schmerzes und damit im besten Fall vollständige Schmerzfreiheit (CU Anschutz Medical Campus).

Im Vergleich zu körperorientierten Methoden

Ansätze wie die Liebscher & Bracht Methode setzen primär auf körperliche Übungen und Faszienarbeit. PRT hingegen fokussiert sich auf die neurologische Umprogrammierung im Gehirn (LIN.Health). Das bedeutet nicht, dass Bewegung unwichtig wäre — aber der Fokus liegt auf der Veränderung der Schmerzverarbeitung im Nervensystem.

Im Vergleich zu Dr. John Sarnos TMS-Konzept

PRT wird als wissenschaftlich fundierte Weiterentwicklung der Konzepte von Dr. John Sarno betrachtet, der bereits in den 1980er-Jahren die Rolle des Gehirns bei chronischen Schmerzen betonte. Gordon integriert jedoch gezielte Techniken wie Somatic Tracking und stützt sich auf aktuelle neurowissenschaftliche Studien (Herald Open Access).

Ein größerer Trend: Das biopsychosoziale Schmerzmodell

Wege aus dem Schmerz steht nicht isoliert da, sondern ist Teil einer breiteren Bewegung in der Schmerzmedizin. Die Fachwelt bewegt sich zunehmend weg vom rein biomedizinischen Modell — bei dem Schmerz immer eine körperliche Ursache haben muss — hin zum biopsychosozialen Schmerzmodell, das Psyche und soziales Umfeld in die Schmerztherapie einbezieht (Anaesthesist International).

Parallel dazu entstehen auch digitale Angebote wie die Apps Curable oder HELP, die Techniken wie Somatic Tracking digital zugänglich machen (HELP App Blog). Gordons Buch kann als idealer Einstieg in dieses Themenfeld dienen — es liefert das theoretische Fundament und die praktischen Werkzeuge, die man braucht, um zu verstehen, was hinter diesen modernen Ansätzen steckt.

„Sind meine Schmerzen nur psychisch?" — Eine wichtige Klarstellung

Eine der häufigsten Sorgen, die Menschen haben, wenn sie von neuroplastischem Schmerz hören: „Heißt das, meine Schmerzen sind eingebildet?" Die Antwort ist klar: Nein. Alle Schmerzen sind real — unabhängig davon, ob ihre Ursache in einer Gewebeverletzung oder in einer Fehlfunktion des Gehirns liegt (CU Anschutz Medical Campus). Neuroplastischer Schmerz ist kein „ausgedachter" Schmerz. Er ist eine reale Empfindung, die vom Nervensystem erzeugt wird — und genau deshalb kann sie durch gezielte neurologische Methoden verändert werden.

Das Buch vermittelt diesen Punkt einfühlsam und verständlich. Gerade für Menschen, die sich von Ärzten nicht ernst genommen fühlen, kann diese Perspektive eine enorme Erleichterung sein: Ihr Schmerz ist real, aber er hat möglicherweise eine andere Ursache, als Sie bisher dachten — und genau das eröffnet neue Wege.

Für wen eignet sich das Buch?

Wege aus dem Schmerz richtet sich an mehrere Zielgruppen:

Betroffene mit chronischen Schmerzen, die trotz medizinischer Behandlung keine Besserung erfahren haben, finden hier einen wissenschaftlich fundierten Selbsthilfe-Ansatz. Das Buch ist in deutscher Sprache verfasst und für Laien verständlich geschrieben, sodass kein medizinisches Vorwissen nötig ist.

Therapeuten und medizinische Fachkräfte können das Buch als Ergänzung zu ihrer Praxis nutzen. Professionelle Anwender wie medizinische Masseure berichten, dass sie es erfolgreich in ihre Arbeit integrieren und die leichte Verständlichkeit schätzen (Amazon). Die eingangs zitierte Dr. Kallweit geht sogar so weit, es als Pflichtlektüre für Medizinstudenten, Hausärzte, Orthopäden und Schmerztherapeuten zu empfehlen.

Angehörige von Schmerzpatienten profitieren ebenfalls, denn das Buch vermittelt ein tieferes Verständnis dafür, was chronischer Schmerz wirklich bedeutet und wie man Betroffene unterstützen kann.

Ein ehrlicher Blick auf den Schreibstil

Einige Leser merken an, dass der Schreibstil stellenweise amerikanisch-euphorisch wirken kann — eine Rezensentin beschrieb die Tonalität vereinzelt als an eine „religiöse Erweckungszeremonie" erinnernd (Lesejury). Wer einen nüchtern-sachlichen Stil bevorzugt, sollte sich darauf einstellen, dass der amerikanische Optimismus der Originalausgabe auch in der deutschen Übersetzung durchscheint. Gleichzeitig bestätigen dieselben Stimmen, dass die inhaltliche Substanz — insbesondere die Erklärung des Angst-Schmerz-Teufelskreises — fundiert und überzeugend dargestellt ist. Der Stil mag Geschmackssache sein, der Inhalt überzeugt.

Was das Buch nicht leisten kann

So vielversprechend der Ansatz auch ist — es ist wichtig, realistische Erwartungen zu haben. Nicht jeder chronische Schmerz ist neuroplastisch. Schmerzen, die auf akute Verletzungen, Entzündungen oder andere strukturelle Ursachen zurückgehen, erfordern weiterhin eine medizinische Behandlung. Das Buch ersetzt keinen Arztbesuch und keine Diagnostik. Es bietet vielmehr einen ergänzenden Weg für diejenigen, bei denen konventionelle Behandlungen keine ausreichende Linderung gebracht haben.

Auch die stärkste bisherige Evidenz bezieht sich auf chronische Rückenschmerzen. Bei anderen Schmerzformen wie Fibromyalgie oder Migräne sind die Ergebnisse vielversprechend, aber die Forschungslage ist noch nicht so umfangreich (LIN.Health).

Fazit: Ein fundierter Ratgeber für einen modernen Weg aus dem Schmerz

Wege aus dem Schmerz von Alan Gordon und Alon Ziv ist kein Buch, das einfache Lösungen verspricht. Es fordert von seinen Lesern die Bereitschaft, sich intensiv mit der eigenen Schmerzwahrnehmung auseinanderzusetzen und eingefahrene Überzeugungen zu hinterfragen. Dafür liefert es etwas, das in der Flut von Schmerzratgebern selten ist: einen wissenschaftlich fundierten Ansatz, der durch eine klinische Studie gestützt wird, praktische Techniken, die sich im Alltag anwenden lassen, und ein tiefes Verständnis dafür, wie Schmerz im Körper und Gehirn entsteht.

Für alle, die chronische Schmerzen haben und das Gefühl kennen, dass herkömmliche Behandlungen nicht genug bewirken, bietet dieses Buch eine Perspektive, die zugleich wissenschaftlich solide und zutiefst hoffnungsvoll ist — nicht als leeres Versprechen, sondern als fundierte Einladung, den eigenen Schmerz neu zu verstehen und aktiv an seiner Überwindung zu arbeiten.

Häufig gestellte Fragen

Kann man chronische Schmerzen wirklich verlernen? Ja — zumindest wenn es sich um neuroplastischen Schmerz handelt. Die Pain Reprocessing Therapy basiert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass das Gehirn durch Neuroplastizität gelernte Schmerzsignale wieder „entlernen" kann. Eine Studie der University of Colorado Boulder zeigte, dass 66 % der Teilnehmer nach der Behandlung schmerzfrei oder nahezu schmerzfrei waren.

Was ist Pain Reprocessing Therapy (PRT)? PRT ist ein psychologischer Behandlungsansatz, der chronische Schmerzen als Fehlalarm des Nervensystems versteht. Mithilfe von Techniken wie Somatic Tracking lernen Betroffene, Schmerzsignale neu zu bewerten und den Angst-Schmerz-Teufelskreis zu durchbrechen.

Für welche Schmerzarten eignet sich das Buch? Die stärkste wissenschaftliche Evidenz liegt derzeit für chronische Rückenschmerzen vor. Bei anderen Beschwerden wie Fibromyalgie oder Migräne sind die bisherigen Ergebnisse vielversprechend, die Forschung ist jedoch noch nicht abgeschlossen. Wichtig: Strukturelle Schmerzen durch akute Verletzungen oder Entzündungen erfordern weiterhin eine ärztliche Behandlung.

Was ist Somatic Tracking? Somatic Tracking ist die Kernmethode der Pain Reprocessing Therapy. Dabei beobachten Betroffene ihren Schmerz achtsam — nicht mit Angst, sondern mit Neugier und einem Gefühl der Sicherheit. Ziel ist es, dem Gehirn zu signalisieren, dass der Schmerz kein Zeichen von Gefahr ist.

Ersetzt das Buch einen Arztbesuch? Nein. Wege aus dem Schmerz betont ausdrücklich, dass eine sorgfältige medizinische Abklärung immer der erste Schritt sein sollte. Das Buch versteht sich als ergänzender Ansatz für Menschen, bei denen konventionelle Behandlungen keine ausreichende Linderung gebracht haben.